Ein besseres Leben

Ein besseres Leben

Langsam öffnete sie die Augen! Ihr kam es vor, als hätte sie ein Jahrzehnt geschlafen. Im Traum so viel Licht und Schatten gesehen. Geträumt von ihrem Leben und dennoch keine genaue Erinnerung daran. Endlich wurde der Blick klar und ihr wurde bewusst, als sie all die Geräte um sich sah, was geschehen war. Gestern der Anruf aus der Klinik: Wir haben eine neue Niere für Sie, wenn Sie diese wollen, müssen Sie in einer Stunde hier sein. Danach überschlugen sich die Ereignisse, viel Zeit blieb ihr nicht zu überlegen, was heißt überhaupt überlegen… Natürlich wollte sie ein neues anderes Leben, aber wird sie dieses auch leben können? Wird sie je wieder die Augen öffnen? Was wird sein? Was kann nicht sein? Sie hatte genug Zeit, all die Jahrzehnte darüber nachzudenken. In diesem Augenblick hieß es nur Chance ergreifen und auf in die Klinik…

Ein besseres Leben

Um 16 Uhr kam der Anruf… Um 23 Uhr wurde sie in den OP geschoben und der Chirurg begrüßte sie mit den Worten: „Bei Ihnen, Mädel, wird das wie bei einer Blinddarmoperation und ich verspreche Ihnen, dass hinterher alles besser wird.“ Um 24 Uhr begann die Transplantation, natürlich gab es, wie auch immer bei ihr, Probleme, daher wohl auch das Licht in ihren Träumen. Dennoch nach 3 Stunden war alles vorbei und am 25.4.2001 war somit ein neuer Start in ein neues Leben gegeben.

Das alles konnte sie nicht gleich erfassen, Angst machte sich in ihr breit, langsam fuhr sie mit der rechten Hand hinunter auf ihre rechte Hüfte und da, ja da war sie, die lange Naht abgedeckt mit Verband und jaaa da war ihr neues Leben, ihre neue Niere, die sie Karl-Maria taufte. Willkommen Karl-Maria, rief sie leise, willkommen in meinem Leben, wir werden es lange, sehr, sehr lange miteinander genießen, ich werde dich hegen, pflegen und das allerbeste für dein Wohl tun, damit es uns beiden gut geht. Freude machte sich langsam breit.

Ein besseres Leben

Dennoch war ihr auch die traurige Situation ihres Glückes klar, denn sie durfte überleben, aber ein anderer nicht. Etwas Trost gab ihr der Gedanke, dass in ihr ein Stück vom anderen überlebt und sie gab sich das Versprechen, nie unbedacht zu handeln, um diesen Teil in ihr und sich selbst nie zu gefährden. Sie war einfach nur dankbar, dass es diese Möglichkeit einer Transplantation gab und Menschen damit überleben und ein neues Leben beginnen konnten. Dass ein langer Kampf ums Überleben damit beinahe zu Ende war.

Ein besseres Leben

Nun ist es 17 Jahre her und sie hält, was sie einst versprochen hat. Es war und ist nicht immer leicht, denn vieles muss beachtet werden, besonders das mit dem Immunsystem, den vielen Tabletten, die immer pünktlich einzunehmen sind, keine Infektionen und ja, sie schaut bewusst auf ihren Körper und ihre Seele. Aber das ist nichts gegen die neue Lebensqualität, die sie nun seit 17 Jahren genießen kann. Sie arbeitet in ihrem Job, hat ein ausgefülltes Leben und eine glückliche Ehe. Alles weiterhin mit Höhen und Tiefen, aber gesünder, lebendiger und eines, sie kann endlich ihren Hobbies, dem Fotografieren, dem Schreiben und der Mode ohne großen Hindernissen nachgehen.

Ein besseres Leben

Ohne eine Spenderniere wäre sie heute nicht da angekommen, wahrscheinlich gar nicht da und sie ist glücklich, dass es in Österreich nicht diese Diskussion über Spender ja oder nein gibt. Wer es nicht sein möchte, holt sich dafür einen Ausweis, sonst ist jeder Österreicher ein Organspender und damit wird hier sehr sorgfältig umgegangen.

Ich hoffe, dass vielen Menschen überall die Möglichkeit und die Chance gegeben sein wird, ohne lange Wartezeiten auf ein neues Transplantat zu überleben und zu leben. Mit dieser Geschichte, die meine eigene ist, wollte ich heute zum Nachdenken anregen, was wir für andere tun können, damit es ihnen genauso gut geht wie uns.

Yours, Evelin

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14 Kommentare

  1. Wintersteiger Karin

    Meine liebe Freundin ….du hast mir deine Geschichte schon Anvertraut….dennoch mit deinen Worten hier niedergeschrieben ist etwas Besonderes ….und berührt mich ganz tief im Herzen ….ich bin so froh das ich dich kennengelernt habe …..bist wirklich ganz was besonderes für mich…..froh bin ich in Österreich geboren zu sein und diese Möglichkeiten zu haben …selber hab ich mich ja der Anatomie verschrieben …..da ich finde auch für die Forschung muss etwas geschehen und wenn ich dann mal nicht mehr bin soll wenigstens mein Körper noch für etwas gut sein…..drück Dich:-):-)

    • Du Allerliebste, wir können wirklich glücklich sein, in Österreich zu leben. Ich danke Dir, dass Du immer ein Ohr für mich hast und oft viel mehr… schön Dich als Freundin zu haben… auch mein Mann und ich wir haben unsere Körper der Medizin und Forschung verschrieben. Er ist doch nur die Hülle unserer Seele und ich denke so bin ich noch immer für etwas gut, so wie Du sagst… Gib auf Dich acht und Umärmelung Evelin

  2. Schön, dass es Dir so gut geht mit Deinem Transplantat. Ich tue mich mit dem Thema ebenfalls schwer. Dennoch habe ich einen Organspendeausweis. In Deutschland wird nicht nur darüber zu viel diskutiert. Alles Gute weiterhin.

    Liebe Grüße Sabine

    • Ich verstehe es, dass dies ein Thema ist, mit dem sich sehr Viele schwer tun. Auch ich hatte als Betroffene lange Zeit selbst Zweifel und tausend Fragen. Habe lange gebraucht, um mich dafür zu entscheiden. Ich hatte gute Ärzte und das Psychologenteam war ein ständiger Begleiter in diesen Tagen. Das Du Dich für einen Spenderausweis entschieden hast ist kein einfacher, aber ein großartiger Schritt.
      Ich danke Dir liebe Sabine, herzlich für Deinen Kommentar und bleib gesund.
      Liebe Grüße Evelin

  3. 🙂 Liebe Evelin,

    ich freue mich mit Dir, dass Du die Chance auf ein zweites Leben bekommen hast und es Dir gut geht!

    Dennoch tue ich mich sehr schwer damit, dass hier in Österreich „für einen“ entschieden wird, ob man Organspender ist oder nicht. Ich finde, dass es jedem selbst überlassen bleiben sollte Organspender zu werden. Ich glaube nämlich nicht daran, dass so sorgsam mit dem Thema Organspende umgegangen wird, wenn irgendwo ganz dringend ein wichtiges Organ benötigt wird…

    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag,
    Claudia 🙂

    • Liebe Claudia,
      Vielen Dank für Dein offenes Feedback! Ich bin sehr froh, auch einen kritischen Kommentar zu diesem heiklen Thema zu bekommen. So kann ich gleich einige Fragen beantworten.
      Hier in Österreich kannst auch Du entscheiden ob Du ein Spender sein möchtest oder nicht. Wenn nicht holst Du Dir einen Ausweis in dem vermerkt wird, dass Du kein Spender sein möchtest und bist somit auch gleich als Nichtspender registriert. Ich kann Dir versichern, dass in Österreich sehr sorgsam mit dem Thema Organspende umgegangen wird. Bis zur Volljährigkeit entscheiden darüber die Eltern und sonst „müssen“, wenn ein Patient keine Verfügung hat gegen eine Spende, nahe Angehörige ihre Zustimmung zu einer Organentnahme geben. Einfach so, wird auch in Österreich kein Transplantat entnommen. Bei einer Lebendspende sind die Auflagen ausgesprochen streng und einem Prozedere unterzogen. Bevor der Organempfänger überhaupt zur Transplantation zugelassen wird, kommt er auf die Transplantationsliste in Leiden (Holland) und dort werden die Transplantate freigegeben, auch wenn Du ganz dringend ein Organ benötigst, kann es sein das keines zur Verfügung steht und es zu spät sein kein. In Deutschland z.B. ist die Gefahr eines Organmissbrauchs wesentlich höher, da die Wartezeit enorm ist und es zu wenig Spender gibt.
      Vielleicht hilft Dir diese Information und ich beantworte Dir sehr gerne weitere Fragen.

      Einen schönen Sonntag und ganz liebe Grüße
      Evelin

  4. Liebe Evelin,
    ich weiß jetzt gar nicht wie oft mir kalt/warm über den Rücken gelaufen ist. Du hast es so toll geschrieben und ich finde es so schön das es dir gut geht. Ein Hoch auf die Kunst der Medizin!
    Ganz liebe Grüße!
    Natascha

    • Vielen lieben Dank liebe Natascha, bin glücklich, dass es mir noch immer so gut geht und das verdanke ich auch ganz besonders der Medizin und fantastischen Ärzten und meiner Familie. Herzliche Grüße Evelin

  5. Liebe Eveline, deine Lebensgeschichte hat mich sehr berührt. Dass du solch ein lebensbejahender Mensch bist hat Dich sicherlich durch diese harte Zeit getragen.
    Wir sind hier in der DKMS Kartei und Organspender. Leider findet in Deutschland zu diesem Thema nicht mehr statt als unsägliche Diskussionen.
    Dir wünsche ich alles erdenklich Gute mit Karl- Maria , und vor allem eine sehr sehr lange Freundschaft.
    Herzlichst
    Martina

    • Liebe Martina, ich danke Dir von Herzen für die netten und herzlichen Worte. Ich dachte auch, dass nach dem Organmißbrauch in Deutschland schneller und wirkungsvoller die Regierung darauf reagiert. Schön, dass Du Dich für den Spenderausweis entschieden hast und ich hoffe, dass ich auch als kleiner Funke darauf hinweisen kann und ich gebe nicht auf darauf hinzuweisen, damit aus Diskussionen endlich ein Erfolg erzielt wird. Ich hoffe wir sehen uns in Wien. Ganz liebe Grüße Evelin

  6. Liebe Evelin,
    du hast die Geschichte deiner OP sehr schön beschrieben, pass bitte weiter so gut auf dich auf und erfreue uns weiter mit deinen tollen Texten und Bildern.
    Ein wunderschönes Wochenende und sonnige Grüße nach Wien
    Regina

    • Regina, liebe Freundin, das Versprechen gebe ich Dir gerne, denn ich möchte noch ganz oft schöne Momente mit Dir/Euch erleben. Freue mich wirklich ganz besonders, dass Dir meine Geschichten gut gefallen. Eine liebe Umärmelung Evelin

  7. Wie wunderbar, dass es bei Dir geklappt hat und es Dein Leben verbessert hat. Ich habe einen Organspendeausweis und es ist mir unbegreiflich, warum es in Deutschland nicht so wie in Österreich gehandhabt wird.

    • Es ist ein Geschenk liebe Ines, das nach wie vor nicht zu beschreiben ist. Es tut mir im Herzen weh, dass in Deutschland so viele Menschen unsäglich lange auf ein neues Organ warten müssen und sich ihre Krankheit verschlimmert, so dass sie nicht mehr transplantiert werden können. Auch wenn ich in Österreich lebe, ist es mir nicht gleich was da bei Euch noch immer falsch läuft, denn gerade ohne den deutschen Dialysechat hätte vor 20 Jahren mich nie für eine spezielle Form der Diaylse entschieden. Ich grüble oft, was ich noch tun kann, damit auch in D kein Ausweis mehr notwendig ist. Meine Devise lautet immer: Never give up! LG Evelin

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